Wintererlebnis Gaisberg

Vom Hausberg zum Kultberg

 

Von Dr. Josef Thayer

 

Der Gaisberg gibt Salzburg erst das charakteristische Profil, quasi den Rahmen für ein Gesamtbild, das zu den schönsten in der ganzen Welt zählt. Diese Hügel sind „alive with the Sound of Music“, und seit jeher pilgern Menschen aus aller Welt hierher, um diese Szenerie in natura zu sehen. Die Berge um das Salzburger Becken repräsentieren in ihrer weich fließenden bis schroff-bizarren Linienführung eine ewige Hymne auf Gottes Schöpfungswerk. Der Gaisberg bildet die Mitte und den Anfang nach tausenden Kilometern Ebene von Nordwesten her, von weither sichtbar mit dem Wahrzeichen Sender obendrauf. 

 

Er hat einen festen Platz in den Herzen der Salzburger, als wichtiger Teil unserer inneren Zugehörigkeit zur Landschaft zwischen Untersberg, Mönchsberg und Osterhorn-Gruppe – wie auch unserer Identität, unseres Heimatgefühls. Erst recht für jene Salzburger, die den Berg regelmäßig bewandern und dabei Kraft schöpfen aus der herrlichen Natur direkt bei der Stadt, mit einem Panoramablick, der auf Erden kaum schöner zu finden ist.  Der Blick vom Gaisberg erfüllt uns mit einem wahrhaft kosmischen Lebensgefühl – als könnten wir nun das Universum besser verstehen, oder unser Glück, in so einer Welt leben zu dürfen.

 

Ein Kultberg

Ähnlich mussten auch unsere Vorfahren empfunden haben. Viele Zeugnisse aus den letzten 500 Jahren überliefern das. Was Germanen, Kelten oder Römer dabei erlebten, können wir nur erschließen. Esoteriker ordnen bestimmten Orten auf dem Berg eine besondere Kraft zu, die auch keltische Zauberer gespürt haben müssen – z.B. auf der Judenberg, aber sicher auf dem Plateau. Oder bei Schloß Aigen, wo über Jahrhunderte ein international gerühmtes Kurbad* bestand, das auf der Wirkung des Gaisberg-Wassers beruhte. Im 19. Jahrhundert baute dort ein Adeliger einen Promenaden-Rundweg in die Flanke des Gaisbergs, mit solchen „Kraftorten“, vor allem mit der Quellenhöhle ganz unten. Heute noch finden sich kleine Mauern und Ruheplätze im Wald am Hang, die Salzburger wieder entdecken sollten. Wenn Salzburg wieder Kurstadt werden will – hier ist der richtige Ort dafür, mit einer plausiblen Tradition und dem direkten Anschluß zu unserem Zauberberg …

 

Skigeschichte & Erinnerungen von ganzen Generationen

Viele verbinden mit dem Gaisberg intensive Kindheitserlebnisse, z. B. die ersten Skierfahrungen, und das prägt unsere Bindung an den Berg. Der gehört gewiss uns allen, er ist unser emotionales Eigentum. Vor 100 Jahren begann seine Karriere als Skiberg, mit historischen Höhepunkten unter der Führung des Skiclubs Salzburg (gegr. 1910), etwa den „Stierläufen“ von der Spitze über den Lichtschlag zur Zistel und weiter über die Bauernwiese nach Parsch – mit 800 Höhenmetern eine große Herausforderung sogar für die Weltbesten. Die kamen damals auch vom Gaisberg: Hans und Max Hauser von der Zistelalm dominierten in den zwanziger und dreißiger Jahren die Skiwelt wie heute Hermann Maier. Hans war Weltmeister und ging später als Skilehrer nach Sun Valley. Er gewann etwa auch die Kombination aus Abfahrtslauf und Langlauf – mit Start in der Koppl Richtung Ebenau und weiter zum Oberwinkl / Zistel.

 

Das Mitteregg-Springen zog über Jahrzehnte Tausende Zuschauer auf den Berg. Am Mitteregg sollte die vierte Schanz der Vier-Schanzen-Tournee gebaut werden, weil der Wirt, ein früher Grüner, aber ablehnte, kam sie nach Bischofshofen. Die Abfahrts- oder Riesentorläufe von der Spitze nach Oberbrandau (Oberwinkl) mit Laufzeiten über zwei Minuten hatten bis etwa 1970 einen festen Platz in der Rennszene des Landes. Der Salzburger Jugendskitag fand selbstverständlich am Gaisberg statt, in den Fünfzigern mit 500 und mehr Teilnehmern. Die US Army transportierte uns mit offenen Lastern bis zur Zistel, von wo es über eine einst berühmte Abfahrt zur Schwaitl ging.

 

1951 baute Hermann Hintner, einst führender Sporthändler der Stadt, bei Mitteregg den erst zweiten Schlepplift Österreichs. Die folgenden zwölf bis fünfzehn Jahre bildeten die Blütezeit des Skibergs. Da brausten vom Mirabellplatz im Minutentakt die Taxibusse zur Zistel, nachmittags von Parsch oder Aigen weg, mit unzähligen Skifahrern.  Andere nutzten den Sessellift zur Judenberg und wanderten weiter. Die Gaisbergabfahrten waren oft und lange bis in die Stadt befahrbar, und die Busse der Verkehrsbetriebe fuhren mit gerammelt vollen Skiträgern zum Mirabellplatz oder von Parsch heim. 1967 folgte nach sehr schneereichen Wintern der Zistellift von Oberbrandau auf die Zistelalm, und auf der Zistelwiese erlernten Generationen von Salzburgern das Skifahren. Dort stehen noch heute die Ruinen des Schleppers.

 

Mitte der 60er-Jahre begann die Vollmotorisierung, und die Salzburger fuhren ab da eher nach Wagrain oder Saalbach, schon um das eigene Auto zu genießen. Seither gehört der Berg wieder den Wanderern und Tourengehern allein. Nur der Babylift bei Mitteregg (Hub-Rosenlehen) führte die Kinder in ihr Skileben ein – bis heute. Die gewaltige Nordabfahrt von der Spitze über den Gersbergschlag und die alte Route über den südseitigen Lichtschlag zur Rauchenbichl und in die Fager gelten nach wie vor als die Favoriten von Tourenfahrern. In den letzten fünf Wintern waren sie monatelang befahrbar. Während die Skigebiete in den Gebirgsgauen zu den besten in der Welt aufstiegen, verfiel der Gaisberg in einen langen Winterschlaf.

 

Wintererlebnis Gaisberg – neue Initiativen

Im Dezember 2002 bedrohten Schneemangel und Warmwetter die Wintersaison der Alpen. Selbst Obertauern brachte es nur auf wenige Zentimeter Schnee. Auf der Rauchenbichl (ca. 1.000 m) gab es 30 cm und mehr – genug für die einzig brauchbaren Loipen im Lande. Die Stadt Tourismus, allen voran Vizebürgermeister Gollegger, und private Förderer erkannten die Chance und unterstützten die neuen Raiffeisen Gaisberg Loipen, und ein moderner Pistenbully zog ab Anfang Januar herrliche Spuren in den metertiefen Schnee, über 20 km: für die „Sonnenspur“ über die Zistelalm, die „Romatikspur“ zum Schneewunder Rauchenbichl, oder über die Hochebene des Oberwinkl. Noch Mitte April war die Rauchenbichl zu belaufen!! Die Resonanz der Salzburger zu diesem gebührenfreien Angebot war höchst positiv. „Man spart weite Anfahrtswege und gewinnt ein außergewöhnliches Naturerlebnis!“

 

Allerdings waren die Verbindungsstrecken vom Grat des Berges zum Oberwinkl noch sehr schwierig, oder Anfänger fanden nicht den Weg zu den flachen Spuren im Oberwinkl oder auf der Rauchenbichl. Das wird in diesem Jahr völlig korrigiert: Panoramatafeln und verbesserte Beschilderung weisen den Weg. Breite Ziehwege am Kapellenhügel und im Oberwinkl entschärfen die kritischen Stellen. Im traditionell schneereichen Oberwinkl wurden herrliche neue Wege über die Loitramalm gezogen – mit den schon erprobten Schleifen bei der Kriechbaumalm ergibt das ein Laufparadies mit 12 bis 14 Kilometern Länge, fast durchwegs „grüne“ oder „blaue“ Spuren für Hobbyläufer – für Skating wie Diagonal. Dieses natürliche Langlaufstadion auf 800 m eignet sich auch für internationale Wettbewerbe. Von Glasenbach erreicht man die neuen Parkplätze bei Loitram – Kriechbaum in sechs Minuten.

 

Auch die Verbindung vom Oberwinkl zum Rücken des Bergs über Hub-Rosenlehen / Mitteregg (ca. 4 km) schafft zauberhafte Landschafterlebnisse und einen professionellen Trainingseffekt für Rücken / Beine. Am besten von unten nach oben zu laufen, für gute Läufer auch bergab (200 Höhenmeter!). Der Lohn dafür: Die Romantikloipe Zistel-Rauchenbichl, sie bietet nochmals 4,5 km als Höhenloipe auf 1.000 m. Bei Bedarf wird auch die Zistelalm gespurt (weitere 3,5 km). Täglich werden über 20 km frisch gespurt!

 

Für die Retourstrecke zum Oberwinkl braucht es etwas technisches Können – oder einen Shuttle, wie er in Verbindung mit der neuen Tourenabfahrt zur Schwaitl angestrebt wird.

 

Wintererlebnis Gaisberg – gespurte Tourenabfahrten

In diesem Winter finden Tourengeher auch eine neue Route von der Schwaitl zur Zistel und (bedingt) weiter zur Spitze, die präpariert wird: Für einen komfortableren Aufstieg wie für eine sichere Abfahrt. Das wird für die vielen Freaks bedeutsam, die erst nach der Arbeit losziehen können, oder die Mondschein-Touren lieben. Weil die Schwaitl von Glasenbach in fünf Minuten zu erreichen ist, eröffnet das neue Chancen für Wintererlebnisse (und Fitness) vor der Haustür. Der „Stiegl-Steig“ führt von Schwaitl & Knolln am Osthang des Gaisbergs über die Loitramalm (nahe den neuen Loipen) über traumhaft schöne Hänge zur Zistel. Von dort über die alte Abfahrt (nur teilweise gespurt!!) zur Spitze.

 

*“Gesundbrunnen, an denen Badegäste aufgenommen werden, sind im Erzstifte nur zwey, einer zu Gastein, …und der zweyte zu  Aigen, … dessen Wasser aus einer kalten, sehr seifenartigen Quelle aufgefangen und erhitzet wird. (das zweite wird) nun bald vergessen seyn; indem das Bad selbst ganz im Verfall gekommen ist.“

Beschreibung der Hochfürstlich-erzbischöflichen Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden vorzüglich für Ausländer und Reisende. Von L. Hübner. Salzburg 1794,